Maik Schierloh

NorthOverSee
Network exhibition with: Maria Ackmann, Christiane Ahlers, Renate Ai, Peter Baader, Anna Bart, Claudia Bartholomäus, Thomas Behling, Helga Beisheim, Gaby Bergmann, Sarah Bergner, Hartmut Bleß, Mechtild Böger, J. Juri Börger, Udo Brummerloh, Joanna Buchowska, Finn Carstens, Nieke Catteeuw, Kathrin Delhounge, Liza Dieckwisch, Veronika Dobers, Thorsten Ennen, Alwa Erythropel, Judith Miriam Escherlor, S.S.J.M.L. Faupel, Imme Feldmann, Herwig Gillerke, Julia Gruner, Simone Haack, Christian Hanzen, Bettina Hauke, Marikke Heinz-Hoek, Dorit Hillebrecht, Carolin Hinrichs, Jonny Hoang, Frenzy Höhne, Giuliano Jarczynski, Monika Jarecka, Johann Christian Joost, Buse Gülru Kadioglu, Birgit Kannengießer, Emezse Kazár, Carl Maria Kemper, Andreas Alexander Koch, Constanze Kreiser, Imke Kreiser, Nina Maria Küchler, Patricia Lambertus, Miriam Lenk, Andreas Letzel, Christin Lutze, Birgit Maaß, Silvio Maaß, Olaf Mahlstedt, Maria Mathieu, Karin Mennen, Jana Mertens, Jürgen Moldenhauer, David Möller, Petra Odebrett, Jennifer Oellerich, Ina Peters, Katrin Pieczonka, Christian Plep, Dörte Putensen, Rima Radhakrishnan, Edeltraut Rath, Nora Brooke Roggausch, Anna Sasse, Sabine Schellhorn, Jana Schemberg, Sandra Schlipkoeter, Anne Schlöpke, Frauke Schnütgen, Elisabeth Schuller-Köster, Ulrike Schulte, Inger Seemann, Bettina Sellmann, Miray Seramet, Kerstin Serz, Semra Sevin, Zuzanna Skiba, Frederic Spreckelmeyer, Jonny Star, Annemarie Strümpfler, Claudia Talaz, Haninga Thiel, Marion Tischler, Charlotte von Heise, Gabriele Walter, Bettine Weiß, Michael Wendt, Reiner Will, Anja Witt, Heiko Wommelsdorf, Oliver Zabel, Sanda Zvaigzne

@Kunsthalle Wilhelmshaven

organized by Maik Schierloh

Es liegt an Ihnen

Maik Schierlohs Name ist untrennbar mit zwei heute nicht mehr existierenden Berliner Institutionen verbunden: Autocenter und Babette. Erstere war ein von Künstlern betriebener Ausstellungsraum, der zwischen 2001 und 2015 an drei aufeinanderfolgenden Orten existierte, letztere eine Bar in einem wunderschönen Pavillon an der Karl-Marx-Allee. Beide haben die Gewalt des Immobilienmarktes der letzten Jahre nicht überlebt (und im Fall von Babette auch nicht die Ignoranz des Gebäudeeigentümers), aber sie repräsentieren eine Philosophie, Kunst und soziale Gefüge zu begreifen, die viele Städte heute aufgreifen könnten.

Berlin um die Jahrtausendwende war nicht Paris, New York oder Tokio. Das mag idiotisch klingen, aber diese Stadt, die vor allem im 20. Jahrhundert ihr Martyrium erlebte, ist ein einzigartiger Fall in der Geschichte des Städtebaus. Berlin präsentierte sich zwar als junge und neue Hauptstadt - und versuchte durchaus, ihren Platz im wiedervereinigten Deutschland zu finden -, war aber gleichzeitig ein seltsamer Tummelplatz leerstehender Räume und billiger Mieten. Zahlreiche Galerien eröffneten (und zogen dann um oder schlossen wieder), Clubs entstanden an den ungewöhnlichsten Orten, und eine Vielzahl von Künstlern kam an, um ihr Glück in diesem neuen europäischen Wilden Osten zu versuchen. Mit ein paar hundert Euro im Monat war es möglich, zu leben und zu schaffen und - für diejenigen, die die Kraft dazu hatten - eine künstlerische Karriere zu starten, ohne zu sehr zu versuchen, mit dem Kunstmarkt oder den Institutionen zu flirten. Auch wenn all dies einen Hauch von genialem Dilettantismus hatte (um einen bekannten Ausdruck aus den 1980er Jahren zu verwenden), musste man dennoch irgendwie durchhalten, und es gab dabei viele Enttäuschungen. Mitte der 2010er Jahre kehrten viele Künstler verbittert in ihre Heimat zurück, auf der Suche nach wärmeren Wetter und besseren Verdienstmöglichkeiten.

Aber 2001 war die Stimmung noch euphorisch und Maik Schierloh gründete zusammen mit Joep van Liefland das Autocenter: einen Raum von einigen Dutzend Quadratmetern, der sich auf demselben Gelände wie ein Nachtclub befand. Die von den Künstlern meist selbst mit wenigen Groschen finanzierten Ausstellungen dauerten oft nur ein Wochenende und waren freitagabends der Treffpunkt für viele Berliner. Der Ort war nicht einem bestimmten Medium oder Stil gewidmet, man konnte dort Malerei, Installationen oder Performances sehen. Eine ganz eigene Szene traf sich dort, um Bier aus der Flasche zu trinken und die Werke französischer, schwedischer, niederländischer, portugiesischer oder bayerischer Künstler (und vieler anderer) zu entdecken, die in Berlin lebten oder auf der Durchreise waren. Während Galerieeröffnungen oft einschüchternd wirken, weil dort soziale Hierarchien genauso zur Schau gestellt scheinen wie die an den Wänden hängenden Werke, wurde an den meist bis spät in die Nacht reichenden Events des Autocenters die Besucher gleich behandelt.

Babette dagegen präsentierte sich als Bar mit einer überwältigenden Architektur. Ein riesiger Glaspavillon, Anfang der 1960er Jahre im Stil der "internationalen Nachkriegsmoderne" durch den Architekten Josef Kaiser nach dem Geschmack der Deutschen Demokratischen Republik erbaut, mit beeindruckenden Deckenhöhen und einem Innenbalkon, von dem aus man die Gäste beobachten kann. Maik Schierloh machte ihn 2003 zu einem Wahrzeichen der Berliner Kunstszene, indem er beschloss, eine lange Wand hinter der Bar für Kunst zu nutzen. Auch hier ging man hin, um etwas zu trinken, etwas anzuschauen, aber vor allem, um Leute zu treffen und sich zu unterhalten. Als die Bar Babette geschlossen wurde, zerschnitt Maik Schierloh die Wand in 10,5 x 15 Zentimeter große Stücke, die an ihren Rändern die vielen aufeinander folgenden Farbschichten zeigen, die als Hintergründe für die Hängung der Werke dienten. Wenn Sie heute den Ort immer noch finden, lassen Sie sich nicht in die Irre führen: Maik Schierlohs Mietvertrag lief 2018 aus und der Vermieter verwandelte den Ort in eine trügerisch trendige Cocktailbar mit einem abgeschmackten Konferenzraum, während er den Namen Salon Babette behielt. Der Geist eines Ortes hängt jedoch ebenso sehr von der Architektur wie von den Menschen ab, und selbst wenn die Bar heute noch geöffnet ist, werden Sie hier keinen Künstlern mehr begegnen.

Über die beiden Orten existieren zwei Bücher: Autocenter, Raum für zeitgenössische Kunst (Distanz Verlag, 2014) sowie Babette (Kosmetiksalon Babette, 2013), und Maik Schierloh betreibt heute ein Café und Biergarten im Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst in Neukölln. Im Jahr 2018 hat er dort als »letztes Hurra« eine Hommage an das Autocenter organisiert, eine Ausstellung, in der er sowohl die Fortsetzung des Ortes als auch die Zusammenarbeit mit Joep van Liefland beendete.

Sowohl in der Babette als auch im Autocenter mussten Künstler sich unter Beweis stellen. Außerhalb des kommerziellen Drucks und der institutionellen Netzwerke konnte man hier neueste Ideen ausprobieren und dabei auch irren. Denn wenn es etwas gibt, das in der Kunstwelt einzigartig ist, ist es die Möglichkeit, zu versuchen, zu recherchieren, zu scheitern, es noch einmal zu versuchen und vielleicht sogar am Ende nie Erfolg zu haben. Aber Entwürfe und Skizzen sind oft interessanter als Meisterwerke, denn sie machen Wege des Denkens nachvollziehbar. Ein Teil der Kunstwelt hat kein Problem mit der hyperkapitalistischen und neoliberalen Gesellschaft, in der wir leben, aber zum Glück gibt es auch Menschen, die an Experimente und Risikobereitschaft glauben.

Oft habe ich mich dabei ertappt, wie ich in Konferenzen oder Interviews über Berlin gesprochen habe. Vielen Menschen erscheint die deutsche Hauptstadt immer noch als Ort der Möglichkeiten, wo es sich für Künstler gut leben lässt und an dem das Schaffen (und Ausstellen) einfacher ist als anderswo. Dies ist jedoch nicht mehr der Fall. Dennoch findet man hier oft Großzügigkeit und Hilfe und eine Ethik, die sich den Gesetzen des Kommerzes verweigert, eine Art von Freiheit des Denkens außerhalb der Moden der Kunstwelt. Berlin ist vor allem eine Geisteshaltung - und diese ist durchaus exportierbar. Künstler sollten sich viel öfter vergegenwärtigen, dass man auch gemeinsam stark sein kann. Und es geht dann darum, die Besonderheiten von Städten zu verstehen, mit diesen zu spielen und neue Ausstellungsformen zu erfinden.

Die Schwierigkeit besteht letztlich nicht darin, Orte zu finden - stillgelegte Fabriken, leerstehende Geschäfte und Büros oder renovierungsbedürftige Wohnungen - alle Städte der Welt sind voll davon. (Und manche kluge Immobilienmakler freuen sich über eine Zwischennutzung inklusive kleinerer Renovierungen oder sie lassen sich gleich mit Kunstwerken bezahlen). Auch lässt sich der Erfolg eines Raums nicht an seiner Größe messen. Einige der besten Ausstellungen, die ich erlebt habe, waren weniger als 50 m2 groß. Es sind auch nicht die Besucherzahlen, die den Erfolg von Kunstevents bestätigen (leider haben sich die documenta und einige Biennalen auf diese Kriterien eingelassen). Berlin ist nicht New York, Lyon ist anders als Paris und Krasnojarsk ist weit entfernt von Brasilia, aber es gibt in all diesen Städten Künstler und willige Menschen, die etwas schaffen und ausstellen wollen. Wie Sie sehen, geht es hier vor allem um Persönlichkeiten. Maik Schierloh mit seiner optimistischen Energie kann in vielerlei Hinsicht als Vorbild gelten, und so könnte auch dieser Text als Aufforderung verstanden werden, seine Haltung aufzugreifen und an die besondere Situation anderer Städte anzupassen. Kurz gesagt: Es liegt an Ihnen.

Thibaut de Ruyter

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